Die Perspektive von wiederholten Erdenleben

Im Johannesevangelium heißt es: «Der Logos ist Fleisch geworden» (1,14). Das heißt, der Christus ist inkarniert. Weiter heißt es, dass alles durch ihn geworden ist (1,3). Warum soll er dann nicht jedem Menschen mehrere Lebensläufe zur Verfügung stellen können?

Bei aller Bemühung reicht ein Lebenslauf meistens nicht aus, um zu erkennen, wie die Liebe die Welt im Innersten zusammenhält. Jeder Mensch wird wohl eine objektive Rückschau nach dem Tod – die Wirkungen seiner Taten – erleben. Das Versäumte kann ihm dann die Kraft geben, immer weniger zu versäumen. Wie aber mein Tag heute ein Resultat meiner vergangenen Tage ist, ist mein jetziger Lebenslauf das Resultat meiner vergangenen Lebensläufe: Die Geisteswissenschaft zeigt, Liebe bewirkt im nächsten Leben Freude am Leben und daraus entsteht Weltoffenheit. Hass dagegen bewirkt Unlust und schließlich Stumpfheit – das Gegenteil von Offenheit und Interesse. Die Frage wird sein: Was ist Liebe? Unter anderem ist sie die Vermittlung zwischen einseitiger Intellektualität und unbeherrschten Emotionen.

Die Liebe immer bewusster in diesem Spannungsfeld zu verwirklichen ist die Aufgabe, die uns der Logos zutraut. Dass nur ein Lebenslauf dazu nicht ausreicht ist selbstredend.

Naturwissenschaft kennt nur das technisch-mechanische und kann nicht anders, als auch den Menschen danach zu beurteilen. 

Die Erkenntnis der Liebe ist die Erkenntnis des Geistes der Liebe. Dieser Geist der Liebe gründet auf der Freude zur inneren Entwicklung, die die Angst, die Sorge, die Gleichgültigkeit, die Schuld, den Hass und die Gier überwindet.

Der Logos ermöglicht die Besonnenheit im Denken und das Handeln aus Erkenntnis im Sinne der Menschlichkeit. Er hat dem Menschengeist einen einzigartigen menschlichen Organismus zur Verfügung gestellt um das Wahre, das Schöne und das Gute zu ergründen. Der Menschengeist kann dann einen Menschheitsorganismus der gegenseitigen Förderung schaffen und die Kräfte der Erde achten.